"Ich habe die Hosen noch nie von vorne gesehen"
Interview mit Manfred Meyer, Security-Chef bei den Hosen (im Oktober 2001)
Am 6. Januar 2009 ist überraschend unser enger Freund und langjähriger Wegbegleiter Manfred Meyer gestorben. Manfred hat seit zwei Jahren gegen eine Lungenkrebserkrankung gekämpft. Dennoch hat er es sich nicht nehmen lassen, auf der Tournee wieder mit dabei zu sein. In Oberhausen haben wir noch gemeinsam den glücklichen Tourabschluss gefeiert.
Insofern kam sein Tod zum für alle sehr plötzlich.
Manni ist seit über zwanzig Jahren durch alle Höhen und Tiefen an unserer Seite gewesen, gemeinsam haben wir unzählige Abenteuer erlebt.
Wir und alle, die das Glück hatten, ihn gekannt zu haben, verlieren mit ihm ein großes Herz, einen humorvollen, zuverlässigen Mitstreiter und Freund.
Er wird nicht zu ersetzen sein, wir werden ihn nie vergessen.
Unsere Gedanken sind bei seiner Frau Dany.
Wir sind sehr traurig.
Die Toten Hosen, die gesamte Live-Crew, alle bei JKP und KKT.
??? Woher stammt eigentlich Dein Spitzname "Neun-Finger-Meyer"?
Manfred Meyer: Das war mal eine Schlägerei mit unserer Staatsmacht im Frankfurter
Bahnhofsviertel. Die wollten uns kontrollieren. Und ich habe meinen Ausweis hingelegt
und wollte aufs Klo gehen. Das wollten die aber nicht. Mehr muss man dazu nicht
sagen: Schon war die ganze Kneipe ein blutiger Knäuel. Es kamen auch noch zwei
Mannschaftswagen vom Überfallkommando. Da standen dann auch noch zwölf Mann mit
MPs herum und haben mit Barhockern auf uns eingeprügelt. Als ich dabei zum Schutz
meine Hand vor den Kopf gehalten habe, da haben sie mir den Finger zermatscht. Das
hat aber auch seinen Vorteil, denn seitdem muss ich mir immer einen Nagel weniger
sauber machen.
??? Du bist als gebürtiger Frankfurter untrennbar mit der Batschkapp verbunden?
Manfred Meyer: Die Batschkapp besteht jetzt seit 25 Jahren - und da bin ich von
Anfang an dabei. Das ist ein Club, in dem alle Bands, die unter das Label Independent
fallen, schon mal gespielt haben. Darunter einige Bands, die heute in Stadien spielen.
Und natürlich auch solche, die zwischenzeitlich in Stadien gespielt haben und
mittlerweile - auf dem Weg nach unten - schon wieder an der Batschkapp vorbeigekommen
sind. Manfred Mann's Earth Band zum Beispiel.
??? Du hast aber nicht von Anfang an dort gearbeitet?
Manfred Meyer: Die ersten zwei Jahre war ich als Gast da, da hat Ralf Scheffler,
der Chef der Batschkapp, zu mir gesagt: "Es ist besser, Du schaffst hier, als wenn
Du als Gast kommst." Denn die konnten immer erst Feierabend machen, wenn ich müde
war. Ich habe von da an die Tür gemacht, die Security. Ich stehe da also mehr oder
weniger seit 22 Jahren an der Tür - wenn ich mal hier bin.
??? Zwischenzeitlich hattest Du auch mal eine Kneipe...
Manfred Meyer: Ich hatte mehrere Kneipen in meinem Leben, die letzte war die
Musiker-Kneipe "Backstage". Der Laden existiert bis heute, aber ich bin schon vor
Jahren ausgestiegen, weil ich irgendwann nur noch zweimal im Jahr vorbeigeschaut
habe. Den Rest des Jahres war ich auf Tour. Angefangen hat das alles Anfang der
70er Jahre mit dem Schrottkopp, einer Anarcho-Kneipe an der Uni. Die ersten paar
Monate hat die Polizei immer mit einem Mannschaftswagen - der Staatsanwalt mit dem
Fotoalbum hintendrin - auf die Sperrstunde gewartet. Die haben sich dann aber
regelmäßig gewundert, dass die Kneipe zuerst gerammelt voll war, aber vorne nur
zwei Leute rausgekommen sind. Die Gäste sind natürlich alle durch den Hinterausgang
raus, weil sie vorne direkt verhaftet worden wären.
??? Wer gehörte im Frankfurt der 70er Jahre zur Anarcho-Szene?
Manfred Meyer: Zur Hochzeit mit den ganzen Demos und den Studentenunruhen war die
68er-Generation noch mit dabei. Und auch Herr Joschka Fischer war Stammgast in
unserer Kneipe. Ebenso wie seine Adjutanten, mit denen er dann hinterher nach
Bonn gegangen ist und diese ganzen grünen Geschichten gemacht hat. Die ersten
Anarchisten-Demos waren die Schah-Demo und die Nicaragua-Demo. Und dabei war die
Frankfurter Hausbesetzerszene nunmal tonangebend. Man könnte sagen, dass wir da immer
eher der schwarze Block waren als der rote. Die anderen haben Kuchen gebacken, wir
geworfen. Das Ganze ging dann in die "Startbahn West"-Zeiten über, als dort die Lage
eskalierte.
??? Wie bist Du in diese Auseinandersetzungen reingeraten, warst Du schon vorher ein politischer Mensch?
Manfred Meyer: Plötzlich war man da mittendrin, weil alle Bekannten damit zu tun
hatten. Und wir saßen immer im Eppstein-Eck. Das war eine Frankfurter Proll-Kneipe,
in der sich damals die Anfänge von Bader/Meinhoff und RAF trafen. Die saßen da
regelmäßig am Stammtisch. Dem Dirk Hoff, dem Bombenbauer von der RAF, haben wir
sogar immer das Moped repariert, ohne zu wissen, wer er war. Wir sind ja damals
auch in dem Buch von Hans-Joachim Klein, "Rückkehr in die Menschlichkeit", erwähnt
worden. Das war wiederum der, der damals den OPEC-Überfall in Wien gemacht hat.
??? Wann hörte diese bewegte Zeit für Dich auf?
Manfred Meyer: Plötzlich gingen immer weniger zu den Demos, vielleicht auch, weil
sie die Schnauze voll hatten, immer auf die Mütze zu kriegen. Nach dem "Schah" und
der "Startbahn West" fehlten irgendwie auch die Feindbilder. Wo es hier in Frankfurt
nochmal richtig geraucht hat, das war bei den Fahrpreiserhöhungen. Da hat es eine
Woche lang richtig geknallt in der ganzen Stadt. Wir waren eine Clique von 15, 20
Leuten und haben dann einen Beförderungsservice organisiert. Da haben alle von uns,
die ein Auto hatten, eine Woche lang Fahrgäste mitgenommen, um die Straßenbahn zu
boykottieren. Das haben wir aber in dem Moment abgebrochen, als sich diese Leute
dann bei uns beschwerten, wenn sie mal einmal zu spät in ihre Kneipe gekommen waren...
Manfred, Campino und die Harley
??? Wie sahst Du damals aus?
Manfred Meyer: Da habe ich schon Tätowierungen gehabt, lange Haare wie immer.
Seit meinem 14. Lebensjahr habe ich nur lange Haare gehabt...
??? ...die Du anschließend häufiger unter einem Motorradhelm versteckt hast?
Manfred Meyer: Die Szene ist halt ruhiger geworden, jeder hat sich seine Blumentöpfe
ins Fenster gestellt, und das war nicht mein Ding. Ich hatte noch andere Freunde,
über die ich dann in der Motorradszene gelandet bin. Und da habe ich festgestellt,
dass die Biker in ihrer Lebensauffassung etwas ehrlicher sind als die Anarchos. In
der sogenannten linken Szene gab es damals zu viele, die nur noch an sich selbst
dachten. Meine erste Maschine hatte ich außerdem schon zu Startbahn-Zeiten gehabt,
eine Yamaha SR-500.
Der Plaza de la Revolution
??? Du sammelst bis heute alles Mögliche von Che Guevara, hast auch eine Tätowierung am Unteram...
Manfred Meyer: Auf den guten, alten Mann bin ich damals in der Anarcho-Szene
aufmerksam geworden und habe fast alle Bücher über ihn gelesen. Das hat mir
eigentlich alles gefallen, was er so gedacht, gesagt und gemacht hat. Er hat
sich ja mit den Kommunisten überworfen und ist deshalb aus Kuba abgedampft. Ihm
hat mehr daran gelegen, irgendwelche Leute zu befreien, als irgendeine Staatsform
aufzubauen. Und hätte der Herr Castro damals auf ihn gehört, könnte es Kuba heute
besser gehen.
??? Das Hosen-Konzert im Frühjahr auf Kuba war dann für Dich wahrscheinlich ein ganz besonderes Erlebnis...
Manfred Meyer: Ich war zum ersten Mal auf Kuba - und für uns hat sich da irgendwie
der Kreis geschlossen. Wir waren vorher schon an der Geburtsstätte von Che in Rosario
in Argentinien gewesen, jetzt haben wir in Santa Clara das Grab gesehen. Die Grabstätte
ist fast so groß wie eine Pyramide. In ganz Kuba siehst und hörst Du nichts von Fidel
Castro, aber Che Guevara siehst Du an jeder Ecke. Und wenn es nur ein Spruch ist, der
irgendwo an die Wand gesprüht ist. Der Herr ist allgegenwärtig.
??? Wie war ansonsten Dein Eindruck von Kuba?
Manfred Meyer: Man sollte so schnell wie möglich dorthin fahren, bevor das Land
endgültig für den Tourismus geöffnet wird. Denn das ist die einzige Einnahmequelle.
Castro schafft sich durch den Tourismus aber genau das ins Land, was er nie haben
wollte: die Zweiklassengesellschaft. Wer im Tourismus arbeitet, kriegt an einem
Abend so viel Trinkgeld, wie ein anderer in drei Monaten verdient. Das ist der
Nachteil an dieser Geschichte. Wo man nicht hinfahren sollte, ist nach Varadero.
Dort triffst Du außer Dienstmädchen und Kellnern wahrscheinlich keinen einzigen
Kubaner. Da gibt es zwar schöne Strände, aber ansonsten nur Touristen.
Manfred, Kiki und Wölli
??? Wann hat das Tourleben für Dich begonnen?
Manfred Meyer: Die erste richtige Tour, die ich mitgemacht habe, war 1982/83
die "Serious Moonlight"-Tour von David Bowie. Danach habe ich wieder in der
Batschkapp gearbeitet. Und irgendwann kam dann die Ramones-Tour, die von der
Konzertagentur MCT veranstaltet wurde, die alle naselang bei uns in der Batschkapp
waren. Kiki hat damals auch für die gearbeitet. Es folgten dann 1988/89 die
"Brain Drain"-Tour mit den Ramones, die"Horrorschau"-Tour mit den Hosen - und von
da an konnte ich mein Bett daheim vermieten. Für die Firmen MCT und KKT arbeite
ich bis heute.
??? Hat es Dir etwas Spezielles bedeutet, mit den Ramones auf Tour zu sein?
Manfred Meyer: Kiki schwebte damals im siebten Himmel, aber ich behandele auch
heute noch alle Künstler gleich und himmel die nicht an. Schließlich sind mir
auch schon viele Arschlöcher untergekommen. Für mich fressen die oben rein und
scheißen unten raus wie jeder andere auch. Meistens ist es auch eher so, dass die
Künstler den Kontakt suchen. Mit Lou Reed bin ich mal über das Thema "Harley-Davidson"
ins Gespräch gekommen, seitdem verstehen wir uns blendend. Ich habe ihn dann einmal
in Frankreich am Flughafen abgeholt, sollte ihn zwecks Kuraufenthalt in den Schwarzwald
fahren. Da hat er mich nach zwei Tagen daheim angerufen, ob ich nicht mit der Harley
runterkommen will, weil es ihm im Kurhotel zu langweilig geworden war. Und da sind
wir dann ein paar Tage mit dem Moped durch den Schwarzwald gefahren.
??? Was galt es bei Joey Ramone zu beachten?
Manfred Meyer: Den Weg zur Bühne und von der Bühne runter. Auf der Bühne war
eigentlich immer recht fit. Da hatte er seine anderthalb Quadratmeter, die er kannte.
Und mehr hat er wahrscheinlich auch nicht gesehen. Wenn eine Halle mal zu düster war,
dann kam das schon mal vor, dass er neben die Treppe gestiegen ist. Lustig war es
mal auf der Loreley, wo der Backstage-Bereich hinten im Wald war. Da sind wir in der
Dämmerung alle den Waldweg entlanggegangen, ich habe mich unterhalten und mal kurz
nicht auf meinen Joey geachtet. Und als ich mich umgedreht habe, da war er etwas
vom Weg abgekommen und schon kurz vor einem Baum. Da konnten wir ihn gerade noch
am Kragen packen.
??? Du hast die Ramones durch ganz Europa begleitet?
Manfred Meyer: Ja, vor allem in Spanien hatten die ein treues Publikum. Und in
Ljubljana standen vor der Bühne einmal Polizeiabsperrgitter bereit - ohne Haken,
ohne alles. Wenn man die angeschubst hat, sind die eine halbe Stunde lang hin und
her gewackelt. Und unter diesen Voraussetzungen hätten wir da niemals spielen können!
Wir hatten am Tag zuvor in einer Eissporthalle in Zagreb erlebt, dass in Jugoslawien
sogar Raketen abschießen erlaubt war. Das war wie Sylvester. Und ich war da Tourleiter,
Kindermädchen und Security - also irgendwie der Depp für alles. Da haben wir an
einem Sonntagnachmittag überlegt, was wir auf die Schnelle machen können - als unser
Blick auf ein Haus mit einem Stahlrohrgerüst auf der anderen Straßenseite fiel.
Da haben wir die verrosteten Gelenkschellen sofort eingesprüht und das halbe Gerüst
vom Haus abgebaut. Die Gitter hielten; möglicherweise ist aber am nächsten Tag das
Haus eingekracht. Wenn man in solchen Ländern spielt, muss man mit allem rechnen.
??? Du warst aber keinesfalls nur mit Punk-Rock-Bands auf Tour, sondern auch mit Lenny Kravitz, Mel C von den Spice Girls und Robbie Williams...
Manfred Meyer: Mir ist das egal, was die für Musik machen. Mir kommt es drauf an,
mit den Herrschaften gut auszukommen, denn man klebt nunmal ständig aneinander, wenn
man auf die aufpassen soll. Da kann man die anderthalb Stunden, in denen sie Musik
machen, zur Not auch mal weghören. OMD waren zum Beispiel trotz ihres soften Gedudels
richtig nett, die Crew war wie eine Familie zueinander.
??? Wie viele Tage im Jahr bist Du unterwegs?
Manfred Meyer: Es gab Jahre, da war ich mehr unterwegs als zu Hause. Weil das Ganze
aber ein Saisongeschäft ist, kann man das nie so genau sagen. Manchmal kam es halt
so knüppeldick, das alle auf Tour gingen, mit denen ich zu tun hatte. Dann gab es
aber auch Jahre mit nur zwei oder drei Touren. 2002 werde ich im Frühjahr Melissa
Etheridge begleiten - und danach wird wohl alles im Zeichen der Hosen stehen. Zur
Zeit habe ich etwas Ruhe; außer Jamiroquai steht nichts an.
"Die Fans werden mit dem Notwendigsten versorgt."
??? Wenn Du im Konzertgraben stehst, wie verhältst Du Dich dann den Fans gegenüber?
Manfred Meyer: Meine Philosophie dabei heißt: "Behandele jeden so, wie Du auch
behandelt werden willst!" Das hat ja auch den Hosen auf Anhieb gefallen. Ende der
80er Jahre gab es nämlich ziemlich viele Security-Firmen, die dachten, wenn sie
ein "Security"-T-Shirt anhaben, könnten sie machen, was sie wollen. Ich handele
da rein gefühlsmäßig. Die Leuten haben Eintritt bezahlt, um Spaß zu bekommen, dann
sollen sie den auch haben. Und uns hat das eigentlich auch immer Spaß gemacht im
Graben, selbst wenn manche 50mal rübergeflogen kamen. Das war dann eher so ein
persönliches Verhältnis. Manch einen grüßt man mittlerweile mit Handschlag und
sagt: "Ach, Du mal wieder!" Und wenn wir Club-Konzerte machen, sind das immer wir,
die sagen: "Keine Gitter!" Denn wir mögen das totale Chaos auf der Bühne.
??? Wie hast Du die Hosen kennengelernt?
Manfred Meyer: Die haben mal zwei Tage lang in der Batschkapp gespielt und der
Tourleiter hat mich gefragt, ob ich nicht einen Tag später mit zehn Leuten nach
München kommen wollte. Irgendwann waren wir bei fast jedem Konzert dabei, sind
aber meistens extra angereist und nach dem Konzert wieder heimgefahren. Heute
sind wir fest mit zwölf Leuten dabei. Und die Hallen muss ich mir vorher nicht
mehr angucken. Die kenne ich mittlerweile eigentlich alle.
??? Du hast mittlerweile ja auch eine eigene Security-Firma gegründet...
Manfred Meyer: Ich habe so 20, 25 Mitarbeiter. Wir machen bei einem Konzert
alles - angefangen vom Eingang bis zum hintersten Notausgang. Wir sitzen an der
Bandgarderobe, am Catering und bewachen auch das Mischpult.
??? Hast Du einen Lieblingsladen, in dem Du Bands bevorzugt spielen siehst?
Manfred Meyer: Ich sehe sie ja meistens gar nicht... Ich glaube, ich habe die
Hosen noch nie von vorne gesehen, in 13 Jahren nicht. Die Batschkapp ist natürlich
immer wieder ein guter Laden, was möglicherweise damit zu tun hat, dass es mein
Hausladen ist. Denn meistens hat das eher was mit dem örtlichen Veranstalter zu
tun als mit dem Laden, hängt davon ab, ob alles klappt. In Düsseldorf in der
Philipshalle macht es auch immer Spaß. Doch eigentlich sind alle großen Hallen
irgendwie gleich. Und wenn man im Graben steht, siehst man die Unterschiede eh
nicht mehr. Der Graben ist in jeder Halle gleich: 16 Meter breit, anderthalb
Meter tief. Bei Campino besser nur 50 Zentimeter. Ein bisschen Platz braucht man
da allerdings auch noch zum Arbeiten, wenn der da über einen her geschossen kommt.
...und ab in die Menge
??? Was war der spektakulärste Sprung von Campino?
Manfred Meyer: Der Sprung vom Balkon in Amsterdam. Da habe ich nicht gedacht,
dass er springt - aber er ist gesprungen. Einmal sind wir beide auch kaum noch
vom Boden weggekommen. Da war Campino schon fast bewusstlos. Denn unten ist es
dann auch gleich mal zehn Grad wärmer, ein bisschen Platzangst kommt dann auch
mit dazu, wenn sie über Dich fallen. Ich versuche immer an ihm dran zu bleiben,
aber wenn dann so eine Welle kommt, dann kannst Du mit eigener Kraft nicht gegen
die Menschenmassen anschwimmen. Meistens ist es Glückssache, wenn ich ihn erwische.
Dafür muss man möglichst gleichzeitig mit ihm in die Menge springen. Er wird es
auf jeden Fall immer wieder tun, aber auch er ist schon etwas vorsichtiger geworden.
Und auch ihm tun am nächsten Tag manchmal die Knochen weh.
Hochzeit mit Dany in Buenos Aires
??? Wann bist Du mit den Hosen zum ersten Mal ins Ausland gefahren?
Manfred Meyer: Das war zunächst der deutschsprachige Raum, Österreich und die Schweiz.
Danach kamen Skandinavien, England und vor allem Argentinien, mein Schlaraffenland.
Exakt neun Steaks habe ich dort am ersten Tag gegessen... Südamerika liegt mir ohnehin,
Buenos Aires ist auch direkt zu meiner absoluten Lieblingsstadt geworden. Das war
die zweite Argentinien-Tour der Hosen, da haben wir dann schon in einem 4000er-Laden
gespielt. Beim nächsten Mal war das dann das Ramones-Abschiedskonzert im River-Plate-Stadion
mit zwei anschließenden Club-Gigs. Und 1998 bin ich dann mal nach einem Konzert auf die
Straße gegangen und habe die letzten Tropfen von den Wasserwerfern gesehen. Da gab es
außerhalb der Halle nämlich regelrechte Straßenschlachten, die Halle sollte gestürmt
werden. In Buenos Aires haben Dany und ich am 12. Mai 1997 vor einer Friedensrichterin geheiratet.
Und da haben wir auch mal die Tochter vom Scharping getroffen und das als Entführung
fingiert. Die Band hat sich Gesichtsmasken übergezogen - und in der Heimat sind alle
in Panik verfallen. Damals hatte der Herr Scharping ja noch nicht die Gewalt über die
Flugzeuge...
??? Ist es für die Security-Leute in Buenos Aires ein härterer Job als bei Konzerten in Europa?
Manfred Meyer: Die Fans dort sind etwas heftiger, zwar herzlich, aber hart. Meine
größte Aufgabe im Graben ist dort immer, den ganzen Rotzern auszuweichen. Dass die
dort wie die Lamas spucken, gehört einfach dazu. Da muss man sich dran gewöhnen und
hinterher halt zweimal duschen. Es gibt für mich aber letztendlich nichts Schlimmeres
als ein Konzert, bei dem nichts los ist im Graben. Ich mache ja auch Sachen wie Celine
Dion oder Patricia Kaas. Und wenn man dann im Jackett neben der Bühne stehst, das
ist eine Katastrophe. Für den "World Music Award" musste ich mir sogar mal einen
Smoking anziehen - als wir zusammen mit den Hosen "bei Prinzens" essen waren, beim
Albert in Monte Carlo. Da hingen teilweise noch die Preisschilder an den Smokingjacken.
??? Beim Rosenmontagszug warst Du auch mit auf dem Hosen-Wagen - verkleidet?
Manfred Meyer: Ja, die Band hatte sich ja Frauengewänder übergezogen und die
Security trug Mönchskutten. Hinten drauf stand: "Auge um Auge, Zahn um Zahn." Ich
weiß nicht, ob den Organisatoren das so gut gefallen hat, dass der Zug zwischendrin
zwanzig Minuten unterbrochen war. Doch da sind so viele Fans hinter den Hosen
hergelaufen! Das hat mir sehr gut gefallen, sollte aber ein einmaliges Ding bleiben.
Ich habe ansonsten mit Fasching auch nichts am Hut.
??? Einmalig ist auch jedes "Magical Mystery"-Konzert - was waren für Dich die aufregendsten?
Manfred Meyer: Das ist immer aufregend, egal ob man in einem Kloster, im Knast
- oder auf einer Berghütte spielt. Das hat einige Arbeit gekostet, bis wir da
überhaupt oben waren. Das waren drei Stunden zu Fuß auf den Berg! Und dann haben
wir vor fünf Leuten gespielt, die da zufällig übernachtet haben. Das härteste Ding,
das wir jemals zusammen gemacht haben, war aber wahrscheinlich das Konzert im
"Jekyll & Hyde" in Buenos Aires, am Tag nach dem Ramones-Abschiedskonzert. In dem
Laden war es so heiß, das wir anschließend vollkommen fertig waren.
??? Sind die Hosen eigentlich heute noch nervös vor ihren Auftritten?
Manfred Meyer: Bei Wölli hatte es sich irgendwann mal eingebürgert, dass der immer
zwei Aspirin vor dem Auftritt nehmen musste. Bei Campino merkt man an seinen
Turnübungen, wie nervös er ist. Das ist nicht nur ein Warmmachen, sondern damit
versucht er auch, seine Nervosität zu bekämpfen. Am ruhigsten ist eigentlich immer
Breiti, der alles sehr gelassen nimmt. Bei ihm merkt man sicherlich am wenigsten,
dass er womöglich auch Lampenfieber hat. Die anderen lassen sich das durchaus immer
mal wieder anmerken.
??? Gibt es ein Land, in das Du mit den Hosen noch unbedingt fahren möchtest?
Manfred Meyer: Ich habe durch die Jungs tatsächlich schon die halbe Welt gesehen;
wir sind ja kreuz und quer durch Europa gefahren, waren mit Green Day in Amerika
und Kanada. Südamerika haben wir bis auf drei Länder komplett abgegrast. In Valdez
haben wir uns die Wale und Seeelefanten angeschaut. Und in Kuba hatten wir ja nur
ein Konzert und waren insgesamt neun Tage da. Da kann man sich schon mal was
anschauen. Doch das Land, in das ich immer wieder fahren will, das ist Argentinien.
Und dort dann vielleicht mal als Headliner im River-Plate-Stadion spielen!
??? Ist das realistisch?
Manfred Meyer: Die Argentinier sind so punkfanatisch, das die Hosen dort durchaus
in die Fußstapfen der Ramones treten können. Die Hallenkonzerte sind ja schon alle
ausverkauft. Und wenn es denen finanziell nicht so schlecht ginge, würden sicherlich
noch mehr kommen. In den Plattenläden hört man auch immer nur Hosen, obwohl es ja
eigentlich so ist, dass sich dort einer die CD kauft, und dann wird die gebrannt.
Es gibt da auch kein Copyright für T-Shirts. Es ist unglaublich, was ich dort für
Hosen-Klamotten in den Shops gesehen habe. Und es gibt dort immer nur drei Bands: Rolling
Stones, Ramones und Hosen. Unser Flieger aus Deutschland kommt traditionell morgens
um sieben an - und da steht dann eine Horde, um uns zu empfangen, und geht dann von
dort aus in die Schule. In Buenos Aires kommt man nie alleine an. Normalerweise müsste
man da zweimal im Jahr runter, nicht zuletzt wegen der Steaks.
??? Hast Du ein Geheimrezept, wie Du Dich mit Deinen 47 Jahren fit hältst?
Manfred Meyer: Indem ich viel Fleisch esse, rohes.
Mehr über Manfred:
MM-Security: www.mmsecurity.de/
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